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Geschichte von Schönfließ

aus Anlass des Festwochenendes "730 Jahre Schönfließ" am 24. und 25. Juni 2000 von unserem Mitglied Harald Grimm auf der Grundlage von aufwendigen Recherchen der Gemeinde Schönfließ verfasst.

Der am nördlichen Stadtrand Berlins im grünen Gürtel zwischen Frohnau, Hohen Neuendorf, Mühlenbeck, Schildow und Glienicke gelegene Ort Schönfließ ist vermutlich älter als 730 Jahre - aber die früheste bekannte urkundliche Erwähnung stammt - nach Auskunft des Brandenburgischen Hauptarchivs - aus dem Jahre 1270. Wahrscheinlich wurde das Dorf gegründet, nachdem die Askanier 1230 den Barnim erworben hatten. In diese Zeit fällt auch der Baubeginn der Dorfkirche, möglicherweise im Jahre 1251: Sollte sich dieses Datum belegen lassen, könnte Schönfließ im nächsten Jahr die 750-Jahr-Feier begehen und erreichte damit fast das Alter Berlins!

Unter einer Urkunde des Jahres 1270 stehen die Namen mehrerer Zeugen - und unter ihnen wird auch GERARDUS de SCONEVLET aufgeführt: Gerhard von Schönfließ! Damals muss der Ort also schon bestanden haben.

Die nächste Erwähnung stammt aus dem Jahr 1356. Dann folgt das Landbuch Kaiser Karls IV. 1375, in dem "Schoneflyt" mit etlichen Nachbargemeinden aufgeführt wird.

1442 wird die Familie v. Krummensee mit dem Gut Schönfließ belehnt; 1536 verkauft Hans v. Krummensee zu Barnim seinen Anteil an die Stadt Bernau, die diesen Besitz 1544 an den Dompropst zu Havelberg weiter veräußert. Nach dessen Tod kommt das Land 1553 an Friedrich v. Bardeleben, und 1580 weist ein Lehensbrief Joachim v. Barsdorff als Besitzer aus.

Nach dem 30jährigen Krieg entsteht das Rittergut Schönfließ

Während des 30jährigen Krieges (1618 - 1648), nach Pest und durch Brand verödet das Dorf. 1660 erwirbt der Kurfürstliche Oberschenk Johann Siegmund v. Götze Schönfließ. Der Kaufbrief führt neben dem v. Barsdorffschen Anteil noch den Kramerschen und den v. Brösickeschen Anteil auf: Zu ersterem gehörte wohl auch der Dorfkrug, letzterem diente ein sogenannter Ziegelhof als Rittersitz. Alle drei Teile werden nun zu einem Rittergut zusammengefügt und verpachtet. Daneben besitzt auch die Familie v. Hoppenrade aus dem benachbarten Stolpe Land in Schönfließ.

1664 kommt v. Götzes Besitz durch Tausch an den Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der es Oranienburg hinzufügt; aber schon zehn Jahre später soll v. Götzes Witwe das Gut zurückempfangen, doch da sie dem Wahnsinn verfallen ist, bewirtschaftet es ihr Bruder, der Domherr zu Brandenburg Maximilian Friedrich v. Brösicke, dem es schließlich 1686 durch Vergleich mit den v. Götzeschen Erben als Besitz zufällt. Er sorgt sich um den Wiederaufbau der noch wüsten Höfe, und sein ältester Sohn lässt die Kirche restaurieren. Das an der Patronatsloge angebrachte Allianzwappen derer v. Brösicke und v. Bredow stammt aus dieser Zeit und deutet auf eine Hochzeit hin.

1735 bis 1810: Familie von Pannewitz

1735 wird Schönfließ an General Wolf Adolf v. Pannewitz verkauft, der seine Laufbahn als Jagd- und Reitpage unter König Friedrich I. begonnen hat und sich die besondere Gunst auch der beiden Nachfolger - "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I. und Friedrich der Große - erwirbt. Bis zu seinem Tod als Königlich Preußischer Generalmajor im Jahre 1750 lässt er umfangreiche Wiederaufbauarbeiten im herrschaftlichen Hofbereich durchführen und ein neues Predigerhaus erbauen. Seine Witwe Johanna Maria Auguste, geb. v. Jasmund a. d. H. Tollenhagen, bringt tatkräftig Ordnung in die verworrenen rechtlichen Besitzverhältnisse und erwirbt sich große Verdienste um die Melioration (Bodenertragsverbesserung) des Gutes. Sie lässt im Garten ein Lusthaus erbauen und darunter einen Wasserfall anlegen. - Während des Siebenjährigen Krieges werden nach der für das preußische Heer vernichtenden Schlacht bei Kunersdorf im Jahre 1760 Dorf, Kirche und Rittergut von russischen Soldaten geplündert und verwüstet.

Johannas Sohn Friedrich Wilhelm, der schon 1759 Stolpe und Glienicke gekauft hat, verlegt nach dem Tod der Mutter 1771 seinen Wohnsitz nach Schönfließ. Daraufhin kommt es zu weiterem Ausbau des herrschaftlichen Besitzes, der Anlage von Alleen und Hecken. Die Kirche erhält einen neuen Chor und eine neue Orgel. Besondere Sorgfalt verwendet auch Friedrich Wilhelm auf die Melioration des Gutes. 1780 lässt er einen neuen Krug mit Ställen für eine große Anzahl von Pferden errichten, 1784 ein neues Gewächshaus. Nach seinem Tod 1790 übernehmen die beiden Söhne das Erbe, von denen der Domherr Albrecht Wilhelm den Rittersitz inne hat. Er bestimmt mit seinem Bruder Wolf Otto, der ohne Nachkommen geblieben ist, dass die Söhne ihrer Schwester Friederike Albertine, Franz und Karl Achaz Freiherren von Veltheim, die Güter Schönfließ und Stolpe übernehmen sollen.

1810 bis 1945: Im Besitz der Familie von Veltheim

Karl Achaz von Veltheim kauft 1810 das gesamte Erbe und erhebt Schönfließ mit Stolpe und Glienicke zum Fideikommiss, also zu einem unveräußerlichen Sondervermögen, das ungeteilt in der Hand einer Familie bleibt. Schlosshauptmann Werner von Veltheim baut nach 1864 das schlichte Landhaus zu einem stattlichen Herrensitz aus, dessen Garten mit seinen hohen Eschen, Linden und Platanen besonders liebevoll gestaltet wird. Die Kirche erhält 1877/78 den Turm und einen Anbau, an dessen Giebel das Familienwappen - als Allianzwappen mit der Familie v. Gadenstedt, aus der die Ehefrau Auguste stammt - angebracht wird. Der Parkettboden im Herrenhaus soll dermaßen die Bewunderung König Friedrich Wilhelms IV. erregt haben, dass er erklärte, in keinem der königlichen Schlösser befinde sich eines von gleicher Schönheit!

Letzter Schönfließer Rittergutsbesitzer ist Burghard von Veltheim, der nach dem Tod seines älteren Bruders 1921 die Herrschaft übernimmt. Seine Ehefrau Elisabeth ist eine Tochter des preußischen Kammerherrn Albrecht Graf von Alvensleben auf Erxleben. Technischen Neuerungen ist Burghard durchaus aufgeschlossen: Dreschmaschine, Trecker und Dampfpflug werden zur Ertragssteigerung eingesetzt. Schülerinnen und Schüler erhalten in den Unterrichtspausen Milch- und Kakaoflaschen vom Gut, und auch viel frisches Gemüse und Obst kommen aus Schönfließ. In den Jahren der Weltwirtschaftskrise muss v. Veltheim einige Waldverkäufe vornehmen; 1937 erwirbt die Stadt Berlin Stolpe.

Während des Zweiten Weltkriegs findet die letzte adlige Hochzeit auf Schönfließ statt: 1943 heiratet Tochter Martha Helene ("Marleni") den Oberleutnant Eric v. Witzleben, der jedoch schon im März des folgenden Jahres fällt. Ein in Schönfließ versteckter Koffer mit seinen Aufzeichnungen wird zwar von der Gestapo bei einer Hausdurchsuchung nicht entdeckt, kommt aber 1945 in die Hände der Roten Armee und bleibt seitdem verschwunden. Die Aufzeichnungen hätten vielleicht darüber Aufschluss geben können, ob Eric auf Grund seiner verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen zu Generalfeldmarschall v. Witzleben auch in dessen Opposition zu Hitler eingeweiht war. Der Anlass der Hausdurchsuchung war jedenfalls eine Folge der lebenslangen Verbundenheit seiner Mutter Elisabeth mit ihrer Großcousine Elisabeth von Thadden, mit der sie als Kind und Jugendliche ihre Ferien auf Erxleben verbracht hatte. Da sich Elisabeth von Thadden ebenso wie ihr Bruder Reinold v. Thadden-Trieglaff aus christlicher Überzeugung dem Nationalsozialismus widersetzte und der Bekennenden Kirche angehörte, gerieten die v. Veltheims nach einer Geburtstagsfeier in der Familie v. Thadden in das Visier der Gestapo, zumal Elisabeth v. Thaddens Schwester Marie-Agnes Braune damals bei den Veltheims in Schönfließ wohnte und auch ihr Bruder Reinhold sich dort aufhielt.

Als Anfang 1945 die Rote Armee ins Land kommt, werden Burghard v. Veltheim und seine Frau verhaftet; er kommt nach einigen Tagen wieder frei, seine Frau wird in das ehemalige KZ Sachsenhausen verbracht und kommt dort um. Burghard v. Veltheim ist 1951 verstorben.

Noch 1945 wird das feudalistische Bauwerk zu 70 Prozent zerstört; nur der Südflügel des Schlosses bleibt als Torso erhalten (Heute ist darin die Kindertagesstätte "Villa Kunterbunt" untergebracht - als 1999 liebevoll restaurierter Blickfang an der Dorfstraße.) Im Zuge der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) werden die v. Veltheims als Großgrundbesitzer enteignet und ihre 400 Hektar Land unter 56 Neubauern aufgeteilt. Gemeinsam mit den 16 Altbauern gründen sie Anfang der 60er Jahre eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG), in der 170 Menschen arbeiten. Nach der Wende entstand daraus die Agrar- und Handels GmbH für Feld- und Viehwirtschaft. - Ein trauriges Ende fand der alte Dorfkrug: 1992 brannte das gerade verkaufte Gebäude bis auf die Grundmauern ab.

Als das Land Brandenburg sich mit der Reform der Gemeindestrukturen zu beschäftigen begann und die Tage der "Minis", der kleinen Gemeinden unter 500 Einwohnern, gezählt schienen, nahm dies auch die Gemeindevertretung des Ortes im Amtsbezirk Schildow wahr: Auf dem ehemaligen Kasernengelände der Staatssicherheit in der Bieselheide am Rande Frohnaus ließ man den Wohnpark "Frohe Aue" für 1600 Einwohner errichten, und am Dorfrand entsteht die Siedlung "Am Feldweg". Geplant ist für die Zukunft ein weiteres Wohngebiet am S-Bahnhof Schönfließ, zehn Minuten Fußweg nördlich vom Kern des Dorfangers.

Der letzte Absatz ist gestrichen, da er eine politische Aussage ist.

Für den an der Ortsgeschichte Interessierten zu empfehlen:

Sonja Wüsten: Märkische Miniaturen. Unbekannte Dörfer und Herrensitze. - Verlag Das Neue Berlin (1998); 9,90 € ; darin S. 23-36: Aus der "Geschichte von dem adlichen Gute Schönfließ"